Gisela Lück: Naturwissenschaften in die Kindergärten 
 

Didaktikerin fordert, Kinder früh experimentieren lassen
 

Wiesbaden – Dass Physik das unbeliebteste Unterrichtsfach ist, das tröstet die chemische Industrie nicht. Denn der Chemie-Unterricht rangiert bei Deutschlands Schülern gerade einmal auf dem vorletzten Platz. Für Gisela Lück, Professorin für Chemiedidaktik an der Universität Bielefeld, ist dieses schlechte Abschneiden nicht verwunderlich: Naturwissenschaftliche Bildung in Kindergärten und Grundschulen hat in Deutschland keine Tradition.

An Chemie und Physik werden Schüler in aller Regel erst in der siebten Klasse herangeführt. Zu spät – wie die Didaktikerin auf der Mitgliederversammlung des Landesverbands Hessen im Verband der Chemischen Industrie ( VCI Hessen) am 8. Juli in Wiesbaden hervorhob. Denn im Alter von 13 Jahren haben sich die Interessen der Kinder verändert.

Dieses Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen lässt sich am besten im Alter von etwa fünf Jahren wecken. Wie ein Schwamm saugen sie – so erzählt die Wissenschaftlerin begeistert – Kenntnisse und wissenschaftliche Zusammenhänge auf, vorausgesetzt, sie werden kindgerecht vermittelt. Wesentlich sei zum  einen, dass die Kinder selbst experimentieren könnten und nicht nur zuschauen dürften, zum anderen, dass alle Experimente einen Alltagsbezug hätten, mit einfachen Mitteln durchführbar seien und sich der naturwissenschaftliche Hintergrund dem Kind leicht erschließe.

Das Erlebnis, dass eine Kerze bei Luftabschluss unter einem großen Glas länger brennt als unter einem kleinen, sei nur eines der einfachen Experimente, die im Gedächtnis haften bleiben. Nach sechs Monaten – dies hat sie in mehreren Forschungsprojekten überprüft – erinnerten sich noch rund die Hälfte aller Kinder detailliert an einzelne Versuche.

Mittlerweile ist unstrittig, dass bereits bei Vier- bis Fünfjährigen die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für den Zugang zu naturwissenschaftlichen Phänomenen angelegt sind. Das Interesse der Kinder, solche naturwissenschaftlichen Phänomene kennenzulernen, ist stark ausgeprägt. Professor Lück berichtet von Untersuchungen, bei denen sich 70 Prozent der Kinder für eine Experimentierreihe im Kindergartengebäue entschieden, obwohl die Forscher draußen bei strahlendem Sonnenschein ein Planschbecken als verlockende Alternative aufgebaut hatten.

Die Wissenschaftlerin zieht aus ihren fünfzehnjährigen Forschungsarbeiten den Schluss, Kinder möglichst früh, also im Alter von vier oder fünf Jahren, an die Naturwissenschaften heranzuführen und diese Bildung kontinuierlich bis zum Schulabschluss beizubehalten. Es nutze nichts, im Kindergarten zu starten, um diese Lehrinhalte erst wieder in der siebten Klasse aufzugreifen.

Professor Lück betonte, dass das hochindustrialisierte Deutschland, das stärker als andere Länder auf das Know-how seiner Menschen angewiesen sei, bei der naturwissenschaftlichen Bildung im internationalen Vergleich hinterher hinke. Dies sei um so bedenklicher, als der Wettbewerb der Zukunft in unseren Klassenzimmern stattfindet.

Allerdings erkennt die Wissenschaftlerin Besserungstendenzen. „Es hat sich viel getan.“ In den letzten zehn Jahren hätten sämtliche 16 Bundesländer die Vermittlung naturwissenschaftlicher Phänomene in die Lehrpläne von Kindergärten und Grundschulen hineingeschrieben. Angst hat sie lediglich, dass es sich bei der frühkindlichen naturwissenschaftlichen Bildung um ein politisches Modephänomen handeln könne, das schon bald aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sein könnte. Auch hier fordert sie Kontinuität.