Chemieverbände sehen keinen Grund zur Euphorie 
 

Frankfurt – Angesichts der enormen Aufholjagd, mit der die hessische Chemie die Umsatzeinbußen der jüngsten Wirtschaftskrise binnen eines Jahres nahezu wettmachen konnte, hat der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands HessenChemie, Karl-Hans Caprano, vor Euphorie gewarnt. Zwar geht der Verband nach Auswertung seiner Mitgliederbefragung im laufenden Jahr von einem Produktionsplus von zwei Prozent aus, doch dürfen die wirtschaftlichen Risiken nicht unterschätzt werden.

Wie Caprano am 2. Februar in Frankfurt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von VCI Hessen und Arbeitgeberverband sagte, wachse die Wirtschaft in wichtigen Exportländern deutlich langsamer, was mittelfristig die Ausfuhren bremsen werde. Außerdem seien die Zeiten moderater Rohstoffpreise bereits wieder vorbei, die den Unternehmen „eine dringend erforderliche Erholung der Erträge“ ermöglicht hätten. Er kritisierte, dass diese Dynamik durch neue staatliche Eingriffe, wie dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz, noch verstärkt werde. Ein Viertel der 3,7 Milliarden Euro, die die Chemie-Industrie im zurückliegenden Jahr für Storm in Deutschland ausgegeben, seien durch staatliche Auflagen verursacht.

Staatliche Eingriffe machen sich nach Angaben von Caprano auch in der pharmazeutischen Industrie massiv bemerkbar. Während die hessischen Arzneimittelhersteller die Wirtschaftskrise einigermaßen unbeschadet überstanden hätten, würden sie nun durch die jüngste Gesundheitsreform getroffen. Im vierten Quartal 2010 seien die Umsätze um sieben Prozent eingebrochen. 
Wegen der erhöhten Zwangsrabatte, die die Belastung um 450 Millionen auf 1,3 Milliarden Euro  in die Höhe getrieben hätten, sowie der geplanten frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln, die die freie Preisbildung bei Innovationen auf wenige Monate begrenzt, rechneten die hessischen Unternehmen mit Gewinneinbrüchen von bis zu 60 Prozent.

Offenbar werde mit den gesundheitspolitischen Maßnahmen eine Schwelle überschritten, bei der Einschnitte beim Personal unumgänglich seien. Erstmals seit langem verzeichne die pharmazeutische Industrie seit Jahresbeginn einen leichten Stellenabbau. In der hessischen Chemie ist die Beschäftigung im Jahr 2009 um 1,9 Prozent und im Jahr 2010 nochmals um 1,8 Prozent zurückgegangen. Seit Jahresanfang zeigt sich – trotzt der Einbußen im Pharmabereich – für die Gesamtbranche ein leichtes Beschäftigungsplus von 0,7 Prozent, was Caprono mit auf die ausgeprägte Sozialpartnerschaft in der Chemie zurückführt.